Der Großglockner Ultra-Trail: „So viel Strahlen, Emotion, Adrenalin, Glanz in den Augen und Erschöpfung sieht man nur beim Zieleinlauf eines UItra-Marathons.“

Nach 105 gelaufenen Kilometern und 6.500 Höhenmetern ist Chris klar: Ich hab‘s fast geschafft. Ich bin auf Platz drei und das macht mir auch keiner mehr streitig. Die Füße tun zwar weh, aber ich werde finishen und das auch noch mit einem Platz auf dem Podium. „Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! So viel Adrenalin und Erleichterung nach den Strapazen der letzten 20 Stunden, ich hatte ein richtiges ‚Runners High‘, wie man so schön sagt.“

Fünf Kilometer liegen noch vor ihm und was Chris nicht weiß: Seine Frau und seine Tochter werden ihn im Ziel überraschen und traditionsgemäß läuft seine Tochter mit ihm über die Ziellinie. Sein sprichwörtliches Sahnehäubchen auf dem überaus erfolgreichen Lauf des Großglockner Ultra-Trails.

Zieleinlauf nach 20:59:07 h

Als Dritter in seiner Altersklasse und als 50. aller Teilnehmer der langen Distanz über 110 km läuft Chris nach knapp 21 Stunden im Ziel in Kaprun ein und ist gleichermaßen stolz, erschöpft und erleichtert. Schnell vergisst er, dass er in den zehn Stunden vorher hart an seinem körperlichen Limit war und im „roten Bereich“ mit seinem Körper gegen den Berg gekämpft hat.

„700 m Abstand – das mag für jemand Außenstehendes wenig erscheinen.“

Und das auch nur, weil er sich zum Ehrgeiz hat hinreißen lassen. Normalerweise geht es Chris bei einem solchen Rennen nicht um die Platzierung. Finishen steht an oberster Stelle und falls man es auf die letzten Kilometer vermeiden kann, dass einen der Konkurrent überholt, dann kann man schon auch mal noch ein bisschen Gas geben. Aber ein Überholmanöver einleiten, um aufs Podium zu kommen, stand bisher außer Frage. Bis zum Anstieg nach der Verpflegungsstation in Kals. Per Whats App teilt ihm sein Arbeitskollege mit, dass der nächste in seiner Altersklasse „nur“ 700 Meter vor ihm ist. Trotz besseren Wissens nimmt Chris die Verfolgung auf. Das läuft am Anfang auch noch recht gut. Doch Chris verausgabt sich bei seiner Jagd und vergisst, dass gleich noch ein Anstieg von ca. 800 Höhenmetern auf einer Strecke von 5 km erfolgt. Das sitzt. Er büßt den hart erkämpften Vorsprung schlagartig ein und wird sogar noch von Läufern anderer Altersklassen überholt. Es ist ein harter Kampf bis zum Gipfel und nur die Aussicht auf den Abstieg und die damit einhergehende Erholung ist ein Pflaster für Körper und Geist. Was er daraus gelernt hat: 700 Meter Abstand zum nächsten Läufer aufzuholen sind eben vor allem im Gebirge kein Zuckerschlecken.

Doch das Schöne an einem so langen Lauf in den Bergen ist ja, dass einen die Natur stetig für die Strapazen belohnt.

„Wir hatten wahnsinniges Glück, den Großglockner bei Sonnenaufgang wolkenlos zu sehen.“

Viele Trainingsläufe absolviert Chris aufgrund seines ganz normalen Bürojobs nachts. Daher macht es ihm auch nichts aus, mit Stirnlampe im Dunkeln zu laufen. Im Gegenteil: Die Startzeit 22.00 Uhr kommt ihm bei diesem Rennen sogar noch entgegen. Doch was Chris bei seinen Trainingsläufen nur ganz selten mitbekommt, ist ein Sonnenaufgang in den Bergen. Und das haut ihn fast von Socken – naja, zumindest sprichwörtlich 😉.

Einige Höhenmeter und Kilometer hat er schon in den Beinen, dazu auch noch ein heftiger Regenschauer über zwei Stunden, der ihn bis auf die Haut nass werden lässt. Die Nacht scheint kein Ende zu nehmen. Doch dann kommt der Silberstreif am Horizont, die Sonne geht auf!

Und obwohl der Großglockner nur ganz selten wolkenfrei ist, hat Chris bei seinem Rennen großes Glück: Eine wunderschöne Aussicht auf Österreichs höchsten Berg bietet sich ihm. Was für ein Moment! Auf einmal weiß er wieder, wieso er sich das hier eigentlich antut. Zusammen mit den guten Zwischenergebnissen gibt ihm das die Zuversicht, auch den Rest des Rennens bewältigen zu können. „Da wusste ich einfach, dass es läuft.“

„Ich könnte einen Baum ausreißen!“

Und damit behält er ja auch recht. Chris ist überaus zufrieden mit seinem Ergebnis und so gut im Training, dass er sogar nach nur drei Tagen Pause wieder seinen ersten Lauf unternimmt. Die Platzierung und die wunderbaren Erfahrungen beim Großglockner Ultra-Trail geben ihm so viel Motivation und Kraft, dass er das nächste Abenteuer schon gar nicht mehr erwarten kann: „Ich bin so motiviert, ich könnte jetzt den Baum nehmen und rausreißen“. Macht er natürlich nicht, er läuft 😉.

Und bereitet sich auf das nächste Highlight 2020, den Ultra-Trail du Mont Blanc, vor: 172 km und mehr als 10.000 Höhenmeter. Na dann: frohes Laufen, Chris!